allein sein

Mir ist diese Woche der Begriff "allein" ein paar Mal in unterschiedlichen Zusammenhängen begegnet. Allein bedeutet so viel mehr, als das Wort eigentlich sagt. Es geht um ganz verschiedene Gefühle, die dahinterstecken.

 

 

Der erste große Schritt vom allein sein ist unsere Geburt. Heraus aus der Geborgenheit der Einheit, hin zu einem allein existieren - atmen – damit wir lebensfähig sind. Hier folgen die vielleicht intensivsten und prägendsten Erfahrungen, die wir als Menschen machen. Solange wir noch hilflos und abhängig sind, ist es für uns lebensnotwendig sicher und geborgen zu sein. Wie wir diese Phase erleben, ist maßgeblich für unseren weiteren Weg.

 

 

Dann beginnt irgendwann ein ganz neues Bedürfnis von allein. Jeder kennt die kleinen Kinder, die kaum richtig sprechen oder laufen können, aber den Willen haben und manchmal auch genau dieses Wort herauskommt: „ALLEINE“.  Das kleine Kind möchte es alleine machen. Das hat etwas mit Selbstbestimmung zu tun. Mit Wachsen. Mit Loslösen von der Unterstützung anderer. Selbst die Kontrolle zu übernehmen und selbstwirksam zu sein. Die beste und wichtigste Version von Alleine!

 

 

Und dann mit dem Wachsen und wenn wir beginnen uns selbstständig in Gruppen zu bewegen, gibt es diese andere Form von Alleinsein. Mitten unter Menschen. Die Umgebung ist laut, alle haben Spaß, alle sind im Austausch. Und trotzdem fühlen wir uns manchmal mutterseelenallein. Weil wir in diesem Moment das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Nicht Teil vom Ganzen zu sein. So, wie wir sind, einfach nicht hineinzupassen. Meistens müssen wir besonders in der Schulzeit durch diesen höchst schmerzhaften Prozess. Ich glaube jeder durchläuft ihn auf seine Art. Manche allerdings leider viel schmerzhafter und traumatischer als andere.

 

 

Eine weitere Form von alleine kenne ich auch von mir selbst. Dieser Moment, in dem ich bewusst entscheide: ich muss jetzt einfach mal alleine sein! Um mich zu sortieren, um wieder mit meinen Gedanken und Gefühlen übereinzukommen. Für mich bedeutet das auch ein Stück weit auftanken. Ich sehe das quasi bildlich vor mir - so ein kleines Männchen, dass seinen Stecker in die Steckdose steckt, um sich aufzuladen.

 

Im Gegenteil dazu gibt es auch Menschen, für die alleine sein eher schwierig ist. Die werden dann eher nervös und denken sich: „Wo ist denn hier die Action?“ Ihre Energie geht verloren, wenn sie alleine sind. Sie müssen raus - in Kontakt.

 

Mit anderen Menschen sein. Im Vergleich zu dem Bild, läuft hier das Männchen mit dem Stecker wie ein Mikrofon nach außen herum und möchte seine Batterien im Austausch wieder aufladen. Natürlich gibt es hier nicht nur schwarz oder weiß. Es kann auch mal so oder anders sein, - aber mir hilft es schon zu wissen, was ich brauche zum Energie aufladen.

 

 

Schwierig ist es bei denen, die sagen: „Ich mache das lieber allein“ aber das nicht wirklich so meinen. Die unbewusste Strategie ist, bevor man schmerzhaft enttäuscht wird, wie vielleicht schonmal zuvor – nimmt man lieber den Weg, den man schon kennt, nämlich allein zu sein. Dieser stille Rückzug ist gefährlich und wir alle sind aufgerufen, hier bei den Menschen in unserem Umfeld genau hinzuschauen und zu fühlen, ob es nicht vielleicht doch etwas anderes braucht!

 

 

Allein ist manchmal auch ein schleichender Prozess im Außen. Besonders bei Menschen, die älter werden. Die nach und nach geliebte Menschen aus ihrem Leben verabschieden müssen. Freunde. Bekannte. Wegbegleiter. Abschiede, die sich leise einschleichen und immer häufiger werden. Und der Weg führt Stück für Stück unaufhaltsam in Richtung Alleinsein. Auch hier braucht es unsere Unterstützung, auch wenn unser Weg davon noch weit entfernt scheint.

Vielleicht ist uns bewusst, dass dieser Prozess zum Leben dazugehört. Dass er kommen wird. Und doch – das Gefühl, das bleibt, gerade wenn es einen geliebten Menschen betrifft, der geht, ist das Gefühl von allein sein ein tiefer Schmerz. Und je plötzlicher so etwas geschieht, je unvorhergesehener es kommt, desto stärker erschüttert es unser ureigenes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle. Dann reist es uns gefühlt den Boden unter den Füßen weg.

 

 

So lieg wohl ein großer Unterschied darin, ob wir uns bewusst entscheiden, allein sein zu wollen – oder ob wir in dieses Alleinsein hineingestoßen werden. Ob wir wählen können, uns zurückzuziehen, um bei uns anzukommen, oder ob uns Jemand, Nähe, Verbindung genommen wird von außen. Wenn uns diese Wahl genommen wird, geht das tief. Es berührt unser ureigenes Alarmsystem und etwas in uns gerät ins Wanken. Denn wenn wir es ganz genau nehmen, kommen wir ja aus der tiefen Verbindung, aus der Einheit, wie bereits am Anfang erwähnt. Und vielleicht ist genau das, nachdem wir uns unbewusst unser ganzes Leben sehen. Wie und wo wir diese Verbindung finden, darf jeder für sich selbst entdecken. Im Menschlichen. Im Spirituellen. In der Liebe.

 

 

Ich glaube, wenn wir uns insgesamt sicher und geborgen fühlen und uns unserer selbst bewusst sind, dann ist alleine sein nie wirklich allein sein. Dann ist es ein Alleinsein mit sich selbst und mit all dem, was zu uns gehört, mit all unseren inneren Anteilen: mit unserem inneren Kind, unserem inneren Helden, dem inneren Dämon. Manche glauben an spirituelle Begleiter, Schutzengel, Seelen von Menschen, die bereits gegangen sind, die universelle Liebe, die Liebe ihres Herzensmenschen oder vielleicht auch ihres tierischen Begleiters etc.  und wissen: Ich bin nicht allein.

 

Das gute ist: Diese Form von sein und nicht wirklich allein sein, können wir alle lernen. Auch wenn wir viele andere Erfahrungen gemacht haben, der Weg in diese Form von Zufriedenheit und Verbundenheit mit uns selbst, ist erlernbar.

 

 

Und trotzdem – manchmal reicht das alles nicht. Manchmal braucht es einen echten Menschen. Eine Stimme. Ein Gespräch. Eine Umarmung. Dann ist es wichtig zu sagen: „Ich möchte heute jetzt nicht allein sein.“

 

Und vielleicht geht es genau darum, immer wieder hinzuspüren:

 

 

Alleine – was bedeutet das für dich?
Wann tut mir Alleinsein gut? Und wann brauche ich Verbindung?
Gibt mir alleine sein Energie, oder raubt mir das Energie?
Wie geht es den Menschen in meinem Umfeld?
Gibt es Menschen, bei denen du spürst, dass sie gerade sehr alleine sind, ohne das eigentlich zu wollen? Oder die Menschen, für die das Alleinsein gerade wichtig und heilsam ist?
Und wo ist vielleicht der Punkt, an dem es kippt?
Wo zu viel Alleinsein nicht mehr gut ist?
Woraus besteht die Einheit, nach der du dich sehnst?
Wie kann es uns gelingen wieder in diese kraftvolle Selbstbestimmung von dem kindlichen „ALLEINE!“ zu gelangen?

 

 

 

Allein hat so viele Facetten, wie ein Wassertropfen in dem sich das Licht bricht.

 

 

 

Ich geh mit mir; Lori https://open.spotify.com/intl-de/track/21dfwDOI57dqW8LLqV5Ypk?si=9d7df63ca2e644ce

 

Federleicht; ENKAY; https://open.spotify.com/intl-de/album/2kil67BgLP1tWjyNVw2tcs?si=1e8f32572a234467

 

Grapefruit; Julia Engelmann https://open.spotify.com/intl-de/track/4d5R3wBNlaxcGCAWJtPLBH?si=f2f3279f907b4575

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